Neuerscheinung 2024! Klaus Stoevesandt: Von Lambarene ins nationalsozialistisch besetzte Frankreich

Klaus Stoevesandt: Von Lambarene ins nationalsozialistisch besetzte Frankreich. Mitarbeiter Schweitzers im Widerstand gegen die rassistische Barbarei (Lambarene – eine Schule der Menschlichkeit – auch für unsere Zeit)
Offenbach am Main 2024, 80 Seiten, € 8,-

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Vorwort

Diese kleine Schrift will von einigen Beispielen gelebter, konkret handelnder Menschlichkeit erzählen, die sich während des Zweiten Weltkrieges gegen den menschenverachtenden Zeitgeist stellte. Sie möchte verdeutlichen, aus welchen Quellen diese selbstlose Bereitschaft zur Hilfe für vertriebene Juden hier unter anderem erwachsen konnte. Vor allem wird die Rede sein von vier Persönlichkeiten, die aus Albert Schweitzers Lambarene-Hospital in den dreißiger Jahren wieder nach Europa kamen, hinein in eine Epoche des Ungeistes selbsternannter Herrenmenschen. In Frankreich nahmen sie sich der Vertriebenen an, die durch diese rassistisch bestimmte Gesinnung Verfolgung erlitten. Sie begegneten denen, die ihre Heimat verloren hatten, in der Menschlichkeit, die Behörden und deren Vollstrecker aufgrund unmenschlicher Rassengesetze verweigerten. Sie stellten sich gegen die menschenfeindlichen Despotien der Nationalsozialisten, die Deportationen und millionenfaches Morden organisierten. Sie retteten zahllose Menschen vor der Vernichtung.

Zwei Ärzte, die in Lambarene für Albert Schweitzer gewirkt hatten, die sich in Frankreich gegen behördliche Verordnungen des Unrechts stellten und sich für das Überleben der Flüchtlinge einsetzten, fielen schließlich im Jahr 1944 dem immer brutaleren Terror der SS und der Gestapo zum Opfer. Auch hier realisierten sich die Worte Albert Schweitzers „Gut ist es, Leben zu fördern und zu erhalten“, gegenüber den Worten „Böse ist es, Leben zu behindern und zu vernichten“, einerseits verborgen im Widerstand und andererseits offen mit staatlicher Gewalt. Alles, was in dieser hier beschriebenen Zeit an millionenfach verübter Vernichtung von Leben geschah, zu einem „Fliegenschiss der Geschichte“ zu erklären, ist wiederholte boshafte Verachtung aller Opfer jener Zeit. Sich nicht verderben zu lassen „durch den Einfluss solcher Männer“ (genauer: S. 68 in dieser Broschüre) warnte schon Helene Schweitzer 1952 aus Lambarene. Hier ist entschiedenes Erinnern und deutliche Gegenwehr gefragt. Daraufhin zu wirken bleibt Sinn dieser Schrift.

Doch auch nach dem Krieg haben sich die Verhältnisse nicht verbessert. In vielen Ländern gibt es noch Krieg, Verfolgung, Vertreibung und Ausbeutung. Die Handelsgesetze, von den reichen Industrienationen dominiert, gestatten keinen fairen Austausch der Waren zwischen den ärmeren und reichen Ländern. Hinzu kommen Naturkatastrophen, deren Verheerungen durch den Raubbau der reichen Nationen an den Schätzen der Erde erheblich zugenommen haben. Viele nichtstaatliche Organisationen versuchen mit konkreten Hilfen dem Leben in bedrohten Regionen Chancen zu verschaffen. Von einem Beispiel aus unserer Zeit, das Erfahrungen aus Lambarene anwendet, ist hier auch zu berichten.

Insgesamt musste der Text dieser Schrift in mehreren zeitlich getrennten Arbeitsschritten immer wieder ergänzt und neu zusammengestellt werden. Immer wieder entdeckte man verborgene Dokumente in den Archiven vor allem in Günsbach. So konnte auch von einem jungen deutsch-jüdischen Arzt berichtet werden, den Albert Schweitzer nach Lambarene holte, und der so mit seiner ganzen Familie in Afrika überleben konnte während der Zeit des Rassenwahns im europäischen Raum. Es entstand also statt chronologisch geordneter Berichte eher eine Art Mosaik aus zu unterschiedlichen Zeiten aufgefundenen Zeugnissen, die an viele Inseln der Menschlichkeit in einer grausamen Zeitlandschaft erinnern.

In erschreckendem Ausmaß kommt heute wieder auf uns zu, was aus jener Zeit hier berichtet wurde. Seit gut eineinhalb Jahren haben unmenschlicher Terror, Waffengewalt und Kriegshandlungen in einer Weise um sich gegriffen, dass wir uns erinnern müssen an die Folgen solcher Verheerungen. Erinnern vor allem auch an die Not der Menschen, die im Letzten noch um Möglichkeiten der humanen Hilfe und der Rettung von Menschenleben gerungen haben. Angesichts der deutschen Kriegsmaschinerie mahnte Victor Nessmann 1940, sich vor dem Hass zu hüten, der unsere eigene Seele verwüsten würde (S. 31). Das klingt heute aktueller denn je, denn wie viele solcher Verwüstungen begegneten uns heute wieder. Waches Erinnern gegen das Vergessen tut not.

Möge die aufopferungsvolle Hingabe für verfolgte Mitmenschen, über die hier berichtet wird, uns heute Ermutigung und Verpflichtung sein, allen Formen von Intoleranz, Menschenverachtung und Ausgrenzung entschieden entgegenzutreten, wo immer sie uns begegnen.

Klaus Stoevesandt

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