Goethepreis an Albert Schweitzer im August 1928

Von Einhard Weber

Am 28. August, dem Geburtstag Goethes, nahm Albert Schweitzer 1928 in dessen Geburtshaus den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main entgegen und hielt dabei die erste seiner vier berühmten Goethereden. „Wie ich zu Goethe kam und was ich mit ihm erlebte“ – das war dabei sein Anliegen und er hoffte damit eine Tradition für die ihm folgenden Preisträger zu begründen. Dabei betonte er, dass er als „armseliges Möndlein heute vor der gewaltigen Sonnenscheibe Goethes vorübergehe“.

Dieser Satz war keine falsche Bescheidenheit, sondern die Achtung vor dem gigantischen Werk Goethes und die Bewunderung für dessen individuelle naturphilosophisch begründete, vielschichtige und lebensbejahende Weltanschauung gegen den Geist seiner Zeit. Während die großen, vor allem aus Deutschland stammenden systematischen Philosophien, z.B. von Fichte und Hegel, nur wenigen zugänglich waren, konnte jeder Goethes Gedankengängen folgen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Albert Schweitzer beschreibt seinen eigenen Werdegang in zahlreichen Parallelitäten zu Goethe in seinem geistigen und tätigen Leben. „Eine neue Begegnung hatte ich mit Goethe, als mir in seinem Schaffen auffiel, dass er sich keine geistige Beschäftigung denken konnte, ohne nebenhergehendem praktischen Tun…“

„Es hat mich ergriffen, dass es für diesen Großen unter den geistig Schaffenden keine Arbeit gab, die er unter seiner Würde hielt, keine praktische Beschäftigung, von der er sagte, dass andere nach ihrer Gabe und Bestimmung sie besser tun könnten als er, sondern dass er darauf aus war, die Einheit seiner Persönlichkeit in dem Nebeneinander von praktischem Tun und geistigem Gestalten zu verwirklichen.“ Als Beispiel führt Schweitzer Goethes unterschiedlichsten, zeitraubenden Tätigkeiten als Minister für das Fürstentum Weimar auf.

Als es 1925 zu einer Hungersnot in Gabun kam, entschloss sich Schweitzer, neben dem Neubau des Spitals eine Pflanzung anzulegen, um im Wiederholungsfall besser dagegen gewappnet zu sein. Da die Afrikaner nur arbeiteten, wenn er anwesend war, kam er an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit. „Wenn ich ganz verzweifelt war da dachte ich daran, dass auch Goethe für seinen Faust als Letztes erdacht hatte, dass er dem Meere Land abgewönne, wo Menschen darauf wohnen und Nahrung finden könnten. Und so stand Goethe im dumpfen Urwald als lächelnder Tröster, als großer Verstehender neben mir.“

Und dann spricht Schweitzer über Goethes „Sorge um die Gerechtigkeit […], da war es mir ein Erlebnis, dass ich überall bei Goethe die Sehnsucht fand, das zu Verwirklichende nicht auf Kosten des Rechts zu verwirklichen.“

Albert Schweitzer schließt seine Rede mit drei Forderungen im Geiste Goethes für seine Zeit, die auch für uns hochaktuell sind:

• dass wir uns trotz aller Überbeschäftigung und Ablenkung „dennoch die Möglichkeit der Geistigkeit erhalten.“
• dass wir „den Weg zur Verinnerlichung finden und auf ihm bleiben.“
• und „dass wir in einer Zeit verworrener und humanitätsloser Ideale den großen Humanitätsidealen des 18. Jahrhunderts treu bleiben, sie in die Gedanken unserer Zeit übertragen und zu verwirklichen versuchen.“

Das sagte Albert Schweitzer vor über 80 Jahren!