Zur Aktualität von Schweitzers Ehrfurchtsethik heute

Von Dr. Gottfried Schüz

Albert Schweitzers kritische Diagnose, wonach er den materiellen Fortschritt mit einer zunehmenden geistigen Verarmung und Humanitätslosigkeit einhergehen sah, ist nach hundert Jahren aktueller denn je. Von entsprechend gewachsener Dringlichkeit ist die Therapie, die nach ihm eine Rettung der ?geistig kranken? Menschheit allein in Aussicht stellt: „Es gibt kein anderes Heilmittel als die Ehrfurcht vor dem Leben, und zu ihr müssen wir gelangen.“

Seit Schweitzers Tod haben wir eine weltweit fortschreitende Vernichtung von Leben zu beklagen, sei es durch stets neu ausbrechende ethnisch-nationalistische Konflikte und Kriege, sei es durch die ungebremste Abholzung der Regenwälder und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter aus­einander, Millionen von Menschen leiden unter Hunger und Verfolgung, eine sich verzögernde Energiewende wird mit zunehmenden Naturkatastrophen teuer bezahlt. Welches Leid, welche ökologischen Belastungen und welche soziale Not, die sich zumeist fernab unserer Wahrnehmung ereignen, nehmen wir zur Erhaltung und Steigerung unseres Lebensstandards billigend in Kauf!

Angesichts all dessen könnte man, mehr noch als Albert Schweitzer Grund hatte, resignieren. Gegen alle Wirrnis und Bedrängnis seiner Zeit setzte er ein unerschütterliches „Dennoch“! Und so verlangt schon die Ehrfurcht vor dem Leben auch von uns, mit getrostem Mut den heutigen Krisenszenarien tatkräftig entgegenzutreten: Jeder kann in seinem Wirkungskreis eine Menge Gutes tun – und auch Schlechtes lassen. Hier ist jeder auch noch so kleine leidlindernde oder lebenserhaltende Schritt unentbehrlich.

Eine Besserung der Lebensbedingungen und eine menschlichere Welt bekommen wir nicht, wenn wir darauf warten, dass die Mächtigen in Wirtschaft und Politik das Ruder herumreißen. Jeder muss bei sich selbst und im Umkreis seiner Wirkungsmöglichkeiten anfangen. Erst über die vielen Einzelnen kann es zu einer wirkmächtigen Vielheit kommen, die eine für alle Lebewesen und Lebensformen unserer Erde verbesserte Lebensqualität zu schaffen vermag.

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