Mit der Ehrfurcht vor dem Leben Schule machen – die brennende Aktualität Albert Schweitzers Claus Eurich in der Albert-Schweitzer-Schule Frankfurt

Originaltitel:
Der Mensch setzt sich über Gott. Philosoph Claus Eurich bezeichnet die Ethik Albert Schweitzers als aktueller denn je – von Doris Stickler

Mit freundlicher Genehmigung: Evangelische Sonntags-Zeitung vom 12.5.2019

FRANKFURT. Der Mensch setzt sich über alles und erhebt sich zum Gott. Davon ist Claus Eurich überzeugt, wie er im Albert-Schweitzer-Zentrum in Frankfurt sagt. Und er ist sich sicher, dass dieses Verhalten völlig falsch ist.
Das Schicksal der menschlichen Zivilisation hält der Philosoph Claus Eurich für längst besiegelt. Angesichts des massiven Artensterbens und den immer drastischer zu spürenden Folgen des Klimawandels steht für ihn fest: »Wir sind heute das erste Mal an einem Punkt, an dem absehbar ist, dass es uns bald nicht mehr geben wird.«
Trotz der bedrohlichen Lage werde der Raubbau an Umwelt und Natur ungebremst fortgesetzt, speise man die Bürger tagtäglich mit Besänftigungsformeln ab. Vor diesem Hintergrund besitze die Ethik Albert Schweitzers mehr denn je »brennende Aktualität«, stellte er in seinem Vortrag klar.
Zu dem hatte ihn das Deutsche Albert-Schweitzer-Zentrum (DASZ) in Frankfurt eingeladen, das bis November mit zahlreichen Veranstaltungen zwei Jahrestage würdigt: Vor 60 Jahren wurde Albert Schweitzer Ehrenbürger der Stadt, vor 50 Jahren nahm das DASZ in der Main-Metropole seine Arbeit auf.
Wie Claus Eurich in der Albert-Schweitzer-Schule erinnerte, war der Gründer des bis heute bestehenden Spitals in Lambarene/Gabun weit mehr als ein engagierter Tropenarzt. Er habe auch als promovierter Philosoph und evangelischer Theologe, als begnadeter Organist und Wiederentdecker Bachs, als Schriftsteller und Friedensmahner weltweit Meilensteine gesetzt.
Unter anderem habe er »die erste westliche Ethik, die dem Anthropozentrismus den Rücken kehrt« formuliert und deutlich gemacht: »Wir haben als Menschheit nur eine Chance, wenn wir uns als Teil des Lebens verstehen.« Zu Claus Eurichs Bedauern geschieht genau das Gegenteil. »Der Mensch setzt sich über alles und erhebt sich zum Gott.«
Dadurch mutiere er zunehmend zu einem lebensfeindlichen Wesen, das nur noch die »Mythen des rationalen Zeitalters Fortschritt, Wachstum und technische Entwicklung« gelten lässt. Diese Haltung bezeichnete der emeritierte Professor für Kommunikation und Ethik als »hochgradig ambivalent«. Was Medizin und Technik anbelangt, könne der Mensch inzwischen zwar unendlich viel, mental befinde er sich dagegen im Niedergang begriffen. Bereits vor 100 Jahren bereitete es Albert Schweitzer große Sorgen, dass der Zuwachs an Wissen und Können eine Verkümmerung ethischer und geistiger Kompetenzen nach sich zieht.
»Kulturen gehen deswegen zugrunde, weil das Materielle nicht mehr geistig durchdrungen wird«, habe er gewarnt und keinen Zweifel gelassen: »Ethisch zu werden heißt, wahrhaft denkend zu werden.« Genau damit liege es gegenwärtig im Argen, hob Claus Eurich hervor. »Wir trennen uns immer mehr von Mutter Erde und dem Leben ab.«
Wie könnte es sonst möglich sein, dass Eltern sagen, wir lieben unsere Kinder und ihnen zugleich mit der gnadenlosen Ausbeutung des Planeten die Zukunft zerstören? Der Autor des 2016 erschienen Buches »Aufstand für das Leben« äußerte in diesem Zusammenhang seine »Hochachtung vor der Fridays for Future-Bewegung« und ist überzeugt: »Albert Schweitzer würde heute auch auf die Barrikaden gehen.« Zumal er seine Maxime »Ehrfurcht vor dem Leben« mit unbeirrbarer Konsequenz verfolgte.
Der Friedensnobelpreisträger, dem alle Wege zu einer universitären wie musikalischen Karriere offen standen, sei als Arzt in den Urwald gegangen, um »nicht mit bloßen Worten, sondern mit Taten« helfen zu können. Er habe sich »für den Dienst am Leben entschieden« und blieb seinem Grundsatz treu: »Mit gutem Beispiel voranzugehen, ist nicht nur der beste Weg, andere zu beeinflussen, es ist der einzige.«
Angesichts der sich abzeichnenden Katastrophen – der Zeiger stehe bereits auf »fünf nach zwölf« – appellierte Claus Eurich, die »Restchance, die wir noch haben, zu nutzen«. Seinem Urteil nach liefert Albert Schweitzers Ethik hier ein »Grundgerüst für die Alltagspraxis«.
Das bestehe im Wesentlichen aus drei Komponenten: Einfachheit, nämlich auf alles zu verzichten, was man zum Leben nicht braucht, anderem Leben nicht willentlich Schaden zuzufügen und Gewissensorientierung. Letztere hänge stark mit einer geistigen und religiösen Beheimatung zusammen. Um Albert Schweitzers geistiges Erbe zu bewahren, führe für ihn kein Weg an Bildung vorbei.

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