Die Geschichte von Orphé

Von Roland Wolf

Ende April. Im Schweitzer-Spital häufen sich die Problemfälle. Zuerst waren es zwei Jungen mit schwersten Brandverletzungen, die sie sich beim Brand ihres Zeltes mitten im Urwald zugezogen hatten. Mit einer Motorpiroge waren sie in stundenlanger Fahrt ins Spital gekommen, doch die Ärzte konnten sie nicht retten, nur noch die Schmerzen lindern. Der Ältere starb nach zwei Tagen, der jüngere Bruder wenig später nach dem Transport ins Armeehospital in Libreville, das über Erfahrung mit Brandverletzungen verfügt.

Gleichzeitig kam ein weiterer Junge mit einer schweren Tuberkulose ins Krankenhaus. Begleitet wurde er von einer Dame, die den offensichtlich Elternlosen nach dem Kirchgang aufgegriffen und angesichts seiner Krankheitssymptome ins Spital brachte, wo sich besonders Krankenpflegerin Sophie, die Leiterin des Mutter-Kind-Dienstes, um ihn kümmerte. Beide Damen kamen zu mir, weil sie wussten, dass der Deutsche Hilfsverein in solchen Notfällen gerne hilft. Und sie erzählten mir die Geschichte von Orphé Makwana.

Frau Eliane Mouckagni ist Grundschullehrerin und aktives Mitglied ihrer Kirchengemeinde. Dort kümmert sie sich um junge Leute, denen sie Bibelunterricht und Unterricht im Chorgesang erteilt. Eines Tages fiel ihr beim Kirchgang ein Junge auf, der hinter einer alten Dame herlief. Diese erzählte, der zwölfjährige Orphé, der keinerlei Papiere mit sich führte und offensichtlich ohne Familie sei, habe den Wunsch geäußert, mit ihr in die Kirche zu gehen. Frau Mouckagni nahm sich des Jungen an und versuchte gleichzeitig, mehr über ihn zu erfahren. Bei ihren Nachforschungen stieß sie auf eine schwangere junge Frau, fast noch ein Mädchen, und einen jungen Mann, der sich als Freund des Mädchens und älterer Bruder von Orphé ausgab; beide waren mehr oder weniger mittellos. Die Mutter und einige Geschwister waren an Tuberkulose gestorben, der Vater, mittlerweile ebenfalls gestorben, habe es von Anfang an abgelehnt, Orphé als seinen Sohn zu betrachten.

Im Schweitzer-Spital diagnostizierte man sehr schnell Tuberkulose. Der Zufall wollte es, dass zwei Spezialistinnen aus Frankreich anwesend waren, eine Notärztin und vor allem eine emeritierte Professorin der Lungenheilkunde, die über eine breite Erfahrung in der Behandlung von Tuberkulosepatienten verfügte. Trotz intensiver ärztlicher Betreuung verbesserte sich der Zustand des Jungen zunächst nicht, die Medikamente schienen nicht zu wirken. Erst nach einigen Tagen ging es ihm etwas besser.

Orphé lag in einem Isolationszimmer der Kinderklinik. Dort kümmerte sich Madame Moukagni wie eine Familienangehörige um ihn, schlief nachts in seinem Zimmer, wusch ihn und bereitete ihm das Essen. Und morgens ging sie in die Schule, um ihren Unterricht zu halten. Sie betrachte es als Pflicht eines Christenmenschen, diesem Jungen zu helfen, erzählte sie mir, und bezahlte einen Teil der Medikamente aus eigener Tasche. Auch nach der Gesundung wolle sie ihm helfen, ihm Papiere besorgen und sich um seine Schulbildung kümmern. Unterstützt wurde sie im Krankenhaus von Sophie Mipimbou, die in diesen Tagen Bereitschaftsdienst in der Kinderklinik versah und Ärzte sowie Krankenschwestern für den Jungen mobilisierte.

Sophie Mipimbou ist eigentlich seit einem halben Jahr im Ruhestand, arbeitet aber weiter, weil keine adäquate Nachfolgerin vorhanden und sie der Meinung ist, auch nach über dreißigjähriger Tätigkeit dem Spital noch etwas geben zu können. Und Frau Mouckagni kümmert sich uneigennützig um ein Waisenkind und setzt sich dabei der Gefahr einer Ansteckung aus. In beeindruckender Weise machen die beiden deutlich, dass der Geist Albert Schweitzers in Lambarene noch vorhanden ist. Da fiel es mir leicht zu versprechen, in Deutschland nach Spendern zu suchen, die für die Behandlungskosten aufkommen. Denn wie die beiden Brandopfer auch war Orphé nicht krankenversichert, und das Spital muss die Kosten übernehmen.

Nach dem Gespräch packte ich meine Sachen für die bevorstehende Rückreise, als ich plötzlich einen Anruf von Madame Mouckagni erhielt. Ich solle schnell in die Kinderklinik kommen, Orphé spucke wieder Blut. Der Junge saß im Isolationszimmer auf dem Boden neben einem Eimer mit Blut, und auch auf dem Boden waren große Blutflecken. Der Bereitschaftsdienst war schon da gewesen und hatte ihm ein Mittel eingespritzt. Ich sprach ihm Mut zu und versicherte ihm, dass im Krankenhaus alles für ihn getan werde. Mehr konnte ich als ärztlicher Laie nicht tun.

Vor der Abreise am nächsten Morgen ging ich noch einmal schnell zur Kinderklinik, um mich von Orphé und Frau Mouckagni zu verabschieden. Der Junge schrie gerade wie am Spieß, als man ihm eine Spritze verpasste, hatte aber eine ruhige Nacht verbracht. Meine Zuversicht wurde aber gedämpft durch die Meinung der behandelnden Ärzte, die sich pessimistisch über die Heilungsaussichten äußerten. Dennoch gab ich die Anweisung alles Mögliche für Orphé zu tun und dabei nicht an die Kosten für das Spital zu denken.

Mitte Juni erhielt ich vom Spital eine Rechnung über umgerechnet 890 Euro für die siebenwöchige Behandlung von Orphé. War es eine vorläufige Rechnung, oder war sie endgültig, weil Orphé wie von den Ärzten prognostiziert seiner Krankheit erlegen war? Die Nachfrage in Lambarene brachte die gute Nachricht: er war aus dem Krankenhaus entlassen worden. Die zweite gute Nachricht nahm den umgekehrten Weg: ich hatte in Deutschland Spender gefunden, die die Behandlungskosten von Orphé übernahmen – wie auch die der beiden Brandopfer.

Noch immer gibt es in Gabun Menschen, die nicht in der ab 2009 eingeführten Krankenversicherung versichert sind. Dazu zählen Menschen aus bildungsfernen Schichten oder aus abgelegenen Gebieten, die von der Information nicht erreicht wurden. Sie sind in der Region von Lambarene, an den Flüssen und Seen und im Regenwald, immer noch zahlreich. Und ihr erster Anlaufpunkt ist oft das Albert-Schweitzer-Spital, weil sie wissen, dass dort auch mittellose Patienten behandelt werden.

Dem Deutschen Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene e. V. ist es ein besonderes Anliegen, diesen Menschen zu helfen und gleichzeitig dem Krankenhaus die Behandlungskosten zu erstatten. Das gilt auch für Langzeitkranke wie die Patienten mit Buruligeschwüren. Dafür bitten wir um Ihre Unterstützung.

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