Das Glück des Gebens – Albert Schweitzers generationenübergreifende Botschaft

Von Friedrich Schorlemmer

Was er schreibt, ist so ermutigend wie das, was er treibt. Was er denkt, ist so einsichtig wie das, was er glaubt. Was er fordert, entspricht dem, was er sich selbst abfordert. Was ihn glücklich macht, enthält das, wogegen er angeht. Was er global im Blick hat, macht er lokal wirksam. Eindrücklich spricht er aus, wessen Ruf ihn getroffen hat: Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er auf uns zu und ruft jeden und jede in ihre jeweilige Aufgabe – in diesem Leben, in dieser Zeit, in diesem Lande. Dieser Namenlose kümmert sich um die Loser.

Wenn der jetzige Bischof von Rom, Papst Franziskus, die Barmherzigkeit in die Mitte seines Wirkens stellt, dann würde das Schweitzer sicherlich veranlassen, diesen Bruder im Geiste zu besuchen und zu verabreden, wie wir der Barmherzigkeit, dem Mitgefühl, dem sozialen und friedenspolitischen Engagement, der Solidarität, der Linderung jeglichen Leides unserer Welt mehr Raum schaffen können.

Schweitzer verstand sich als ein „Verehrer des Franziskus, dieses tiefsten der Heiligen“. Dieser habe „die Verbrüderung der Menschen mit der Kreatur als eine himmlische Botschaft verkündet“.

Aus der Liebe zum Leben und aus tief verwurzelter Lebensbejahung erwächst sein Kampf und kommt seine Kraft, sich unablässig für bedrohtes Leben einzusetzen – das Leben in seiner Fülle, mit seinen Geheimnissen, Schönheiten und Möglichkeiten. Eingebettet in das Ganze des Lebens kümmert er sich ums Einzelne und um den Einzelnen.

Albert Schweitzer fasziniert, orientiert und inspiriert andere, das an je ihrem Ort Fällige zu tun, sich über Unrecht zu empören, sich zu engagieren und sich zu vernetzen – auch 100 Jahre nach Lambarene. Und mit dem Weltruf, den er nicht nur erworben, sondern bis heute behalten hat, macht er seine Verehrer nicht klein, sondern stark.

Nie belässt es Schweitzer bei der Kritik, immer sucht er einen Weg, das Kritisierte zu beseitigen, und führt dabei einen Kampf gegen Gleichgültigkeit, Abstumpfung, Mitleidlosigkeit, Herzenskälte und Herrschsucht.

Seine ganze Hoffnung setzt er unverdrossen auf die nächste Generation und lebt einen Optimismus vor, der Niederlagetraining hinter sich hat.

Er macht deutlich, dass Engagement Sachverstand, Beharrlichkeit und Verbindlichkeit braucht. Das bedarf eines unverdrossenen Verliebtseins ins Gelingen.

Jeder, der sich dranmacht, die Welt nicht so zu lassen, wie sie ist, muss um die Sachzwänge wissen, ohne davor zu kapitulieren.

Wer Albert Schweitzer angemessen ehren will, muss in seinem Geiste weiter zu wirken versuchen. Er ist keine Ikone, vor der man niederfallen sollte, sondern ein Ideen-Geber zur Erhaltung der Welt, in der wir leben und von der wir leben. Schweitzer können wir nur ehren, indem wir ihm zu entsprechen versuchen. Und das auf der Höhe der Zeit, in den Untiefen unserer Zeit, angesichts der totalitären Abhörpraktiken in der freien Welt, angesichts des grassierenden Welthungers und der höchst effizienten globalkapitalistischen Vernutzung der natürlichen Lebensgrundlagen.

Wer etwas begriffen hat von seiner Konzeption der „Ehrfurcht vor dem Leben“, wird zuallererst das Staunen, das Sich-Verwundern, die Freude am Leben und seiner Schönheit und Vielfalt und Nützlichkeit für sich erwerben. Zu allererst aber geht es darum, die Natur in ihrem Selbstwert, ihrer Vielfalt und ihrer Schönheit zu erhalten und alles Grob-Sinnlos-Zerstörerische zu stoppen. Und es geht um den Frieden, der aus Verstehen und Verständnisbereitschaft erwächst, der mit Toleranz trotz aller Konflikte erhalten werden kann, wenn es einen fairen Interessenausgleich gibt, wo Frieden mit dem Gegner gesucht wird, nicht gegen ihn.

Gut zu bleiben, heißt wach zu bleiben gegenüber allem, was zum Himmel schreit. Der sittliche Mensch in uns erstirbt, „wenn wir müde werden, was die anderen Wesen um uns herum erleben, mitzuerleben, mit ihnen zu leiden. Wehe uns, wenn unsere Empfindsamkeit sich abstumpft: Unser Gewissen im weitesten Sinne, das heißt, das Bewusstsein von dem, was wir sollen, geht damit zugrunde. Die Ehrfurcht vor dem Leben und das Miterleben des anderen Lebens ist das große Ereignis für die Welt. Die Natur kennt keine Ehrfurcht vor dem Leben. Sie bringt tausendfältig Leben hervor in der sinnvollsten Weise und zerstört es tausendfältig in der sinnlosesten Weise.“

Der Mensch muss über das Naturhafte hinausgelangen, will er denn mehr sein als ein bloßes bewusstloses Lebewesen, eine Anima. Jedoch sind auch Tiere zur Selbstaufopferung bis zum Tode fähig und können mitfühlen mit ihren Jungen.

Da ist es schrecklich, wenn den Tieren das Mitempfinden versagt wird. Genau dem aber sollen sich Menschen – gegen jedwede darwinistische Ideologie – entgegenstellen, sowohl in der Respektierung der Andersartigkeit von Menschen wie auch der Art, in der sie nicht über Leben herrschen, sondern sich Leben zunutze machen und es fördern. In Demut.

In einer Atmosphäre des Vertrauens kann es zu einer vernünftigen Regelung der Probleme kommen. Wir sind immer mitverantwortlich für die Angst derer, die jenseits des Grabens leben und Angst haben wie wir. Die große Mahnung des Apostels Paulus möge den einzelnen Menschen und ganze Völker ergreifen: „So viel an euch ist, habt mit allen Menschen Frieden.“ (Römer 12,18)

Alles kommt darauf an, dass alle daran mitwirken, dass eine Zeit heraufbeschworen wird, in der Kriege nicht mehr sein werden.

(Dies war der Impuls der Friedensbewegung in der damaligen DDR: nicht mehr zu lernen, Krieg zu führen und Schwerter zu Pflugscharen zu machen, die Brot in der Dritten Welt bringen. Das kann nur durch einen neuen Geist, in einer höheren Vernünftigkeit gelingen.)

Allen Engagierten schreibt er ins Stammbuch: „als Wirkende und als Leidende haben wir die Kräfte von Menschen zu bewähren, die zum Frieden hindurchgedrungen sind, der höher ist als alle Vernunft“. Dieser Friede, der höher ist als die Vernunft, bedient sich doch der Vernunft, bis Herz, Gemüt und Verstand auf eine glückende Weise zusammenkommen und weltbewegend zu wirken vermögen.

Weder bloße Nützlichkeitserwägungen noch durch Erfahrung gewonnene vernünftige Einsichten oder die juristischen Bojen durch Völkerrecht haben die Kraft zu einer echten tiefen Verwandlung. Die Gesinnung des Friedens braucht einen kritischen Geist und dieser Geist – davon ist Schweitzer tief überzeugt – ist nicht tot, auch wenn er in der Verborgenheit lebt.

Der menschliche Geist ist zu der Einsicht gelangt, „dass das Mitempfinden, in dem die Ethik wurzelt, seine rechte Tiefe und Weite nur hat, wenn es nicht einzig auf Menschen, sondern auf alle lebendigen Wesen geht“.

Also rationales Denken, juristische und politische Rahmenbedingungen und tiefes Empfinden können das stärken, was in unserem menschlichen Wesen liegt, dass wir nämlich in uns als mitempfindsame Wesen eine Fähigkeit zur Humanität in uns tragen. Freilich liegt das immer im Kampf: gegen alle Partikularismen, gegen Überlegenheitsposen der eigenen Kulturkreise, Religionen oder Nationen.

Schweitzer machte sich nie Illusionen darüber, dass er viele, die an den Hebeln der Macht sitzen und ihr Herr-Sein und Herrscher-Sein genießen, erreichen könnte. Er musste erfahren, wie ungeheuer stark der Skeptizismus bleibt. Der Verzicht auf Denken wird zur geistigen Bankrotterklärung. Sich dennoch nie entmutigen lassen, auch wenn es unübersehbar ist, dass die Masse selber skeptisch bleibt. „Sie verliert den Sinn für Wahrheit und das Bedürfnis nach ihr findet sich darein, in Gedankenlosigkeit dahinzuleben und zwischen Meinungen hin- und hergetrieben zu werden.“ Das ist der Nährboden jedweder Manipulation und Entpolitisierung.

Immer sind es Einzelne, die sich nicht begnügen mit dem bloßen Übernehmen autoritativer Wahrheiten. Sie beharren darauf, dass die Stadt der Wahrheit nicht auf dem Sumpfboden des Skeptizismus, des Relativismus, des Zynismus, der Weltverachtung und der Gleichgültigkeit aufgebaut werden kann. So bedarf es an jedem Tag erneut der Zuversicht, in der das freie Denken, das Tiefe behält, sich bewährt. Der Wille zur Wahrheit hat zugleich der Wille zur Wahrhaftigkeit zu sein. Und das erfordert immer Mut, nicht dem Zeitgeist zu verfallen, sondern der Zeit Geist zu verleihen, was heißen kann, sich gegen den Geist der Zeit aufzulehnen.

Menschsein erfüllt sich erst, wenn es durch die Resignation hindurchdringt und zu innerer Freiheit gelangt, in der der Mensch „die Kraft findet, mit allem Schweren in der Art fertig zu werden, dass er dadurch vertieft, verinnerlicht, geläutert, still und friedvoll wird“.

Wer durch die Fegefeuer der Resignation hindurchgelangt ist, der ist der Weltbejahung fähig. Das Leben wird dadurch in jeder Hinsicht schwerer, als wenn er nur für sich leben würde. Zugleich wird das Leben aber auch unendlich viel reicher, schöner und glücklicher. Denn aus dem Dahinleben wird kein befriedigendes Erleben des Lebens. Förderung oder Rettung von Leben kann als tiefstes Glück erfahren werden, dessen ein Mensch fähig und teilhaftig wird. Es ist das Glück des Helfens, das Glück des Gelingens, das Glück, dass Einsamkeit überwunden ist, bis der Mensch nicht nur teilhat am Leben, sondern auch teilnimmt.

Lebensweise und Lebensweisheit sind bei Schweitzer miteinander auf glückende Weise verwoben.

Die Mystik war für ihn nie eine Flucht ins Innere, gar in deutsche Innerlichkeit, sondern geläuterte Kraft, aus dem Innersten für das Äußerste sich bewährend.

Die aus Weltbejahung erwachsene „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist die ins Universelle erweiterte Ethik der Liebe. Und das hat für Schweitzer einen theologischen Grund, weil doch der Mann im Gleichnis Jesu nicht die Seele des verlorenen Schafes, sondern das ganze Schaf rettet.

Schweitzer ist von der Zuversicht erfüllt, dass ein aus der Wahrheit kommender Geist stärker ist als die Macht der Verhältnisse. Er hat es lebenslang nicht aufgegeben, Christentum und Denken einander näher zu bringen. Das Christentum müsse sich zur lebendigen Religion der Verinnerlichung und der Liebe vergeistigen. So vermag es, Sauerteig des geistigen Lebens der Menschheit zu werden.

Auf die Frage, ob er pessimistisch oder optimistisch sei, merkt er an: „Mein Erkennen ist pessimistisch und mein Wollen und Hoffen optimistisch.“

Lebenspraxis stärkt Lebenshoffnung. In Lambarene vermochte er es, naturheilkundliche Weisheiten und Erfahrungen mit Einsichten der so genannten Schulmedizin zu verbinden.

Bei ihm gibt es nie eine Reflexion ohne Aktion und keine Aktion ohne eine Reflexion auf diese Aktion.

Tätiges und tägliches Ja zur Welt sagen – aus dem Ja, das über uns ausgesprochen ist und dazu befähigt, uns selber kritisch zu sehen, ohne uns dadurch zu erniedrigen.

Und so steht Schweitzer bis heute auf der Skala der Vorbilder obenan.

Und ohne Vorbilder kann eine Gesellschaft nicht leben, Menschen mit großen Idealen, die sich für die kleine Praxis nie zu schade sind.

Was – frage ich – wäre heute im Sinne Schweitzers zu bedenken, wofür und wogegen ist zu kämpfen?

1. Gegen die weltweite, sich immer noch weiter hochschraubende Rüstungsspirale.

2. Für den Mut, auf die Gegner zuzugehen.

3. Für das Überschreiten von Grenzen zueinander in der globalisierten Welt.

4. Gegen einen effizienten Kapitalismus, der alle Dinge zur Ware macht, für die Bewahrung der Natur.

5. Für das Menschenrecht auf Brot, auf medizinische Versorgung, auf ein Dach über dem Kopf, auf Entfaltung des Einzelnen, auf Bestätigung und Betätigung in Arbeit.

6. Für den Dialog der Religionen und Weltanschauungen auf Augenhöhe.

7. Für eine Religiosität, die tief im Menschen verankert ist.

8. Für ein Beten, das das Handeln begleitet, justiert, bestärkt.

9. Für ein Leben, das ohne Musik nicht auskommen kann.

10. Und das alles aus staunend-dankbarer und verpflichtender „Ehrfurcht vor dem Leben“.

Schweitzer tritt uns immer wieder entgegen als ein ganzer Mensch, ohne einer Heiligenverehrung zu bedürfen.

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