Rezension: CD-Box „Ehrfurcht vor der Bedeutsamkeit dieser Musik“

Rezension von Werner P. Seifert

Drei Gedanken waren es, die Albert Schweitzer ein Leben lang mit der Orgel verbanden: erstens seine große Liebe und Leidenschaft für dieses Instrument, insbesondere in der Gestalt der französischen Orgelbau-Tradition, zweitens die Verbreitung der Orgelwerke seines Idols Johann Sebastian Bach und drittens seine Mission in Lambarene, in deren Dienst er sein Orgelspiel vorwiegend stellte, indem er den Erlös seiner Konzerte für Lambarene verwendete. Idealistische Ziele also in jeder Beziehung. Und so ist auch „Die Orgel im Leben und Denken Albert Schweitzers“ zu verstehen und einzuordnen, wie Harald Schützeichel sein grundlegendes Buch zu diesem Thema benannte.

Nun wird dieses Buch gewissermaßen „praktisch“ unterfüttert, indem Wolf Kalipp u. a. eine Neuedition des Schweitzer’schen Orgelspiels in historischen Original-Aufnahmen aus den Jahren 1928 bis 1952 vorlegen, eine fulminante, großartig ausgestattete Sammlung von sechs CDs mit instruktivem Begleitheft – ein Kompendium von nahezu einmaliger Güte. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass auch Aufnahmen, die bisher kaum mehr zugänglich waren oder noch nie veröffentlicht wurden in diese Edition aufgenommen wurden. Alle Aufnahmen sind „in Anwendung neuester digitaler Restaurierungstechniken“ zu einem wirklichen Hör-Genuss geworden.

Die dritte CD dieser Sammlung, die eine Erstveröffentlichung der Bach’schen „Achtzehn Choralsätze“ enthält, war dabei für mich das Schlüssel-Erlebnis: Schlichtheit, Klarheit und Verständlichkeit für jedermann zeichnen diese Aufnahmen aus, gewissermaßen ein Hauptanliegen Schweitzers, die christliche Botschaft der Werke schnörkellos zu vermitteln. In seinen Konzerten hat er in den zwanziger Jahren oft Chöre diese Sätze singen lassen zwischen der Interpretation anderer, „freier“ Orgelwerke Bachs. Ihm ging es nie um blendende Virtuosität, sondern immer um Vermittlung einer Botschaft – das hört man hier in besonderem Maße.

Natürlich ist heute alles anders, aber – ist es besser? Was bringen „Zeit-Vergleiche“ ein und was bedeutet es schon, dass er z.B. Präludium und Fuge in e-Moll (BWV 548) „zu langsam“ spielt; wer weiß wirklich genau, in welchem Tempo Bach das gespielt hat oder gespielt haben wollte? Besonders die Fugen der Bach’schen Werke sind bei Schweitzer in einer vorbildlichen Weise strukturiert, was das Verfolgen der einzelnen Stimmen sehr übersichtlich macht. Zu beachten wäre außerdem, dass historische Orgeln mit mechanischer Traktur andere Tempi erfordern als eine Orgel modernster Prägung. Die Registerwahl Schweitzers ist sehr bodenständig und die Spielweise dem Geschmack seiner Zeit durchaus entsprechend; heute wird manches anders gemacht, was man ihm nicht vorwerfen kann.

Die berühmte Toccata und Fuge d-Moll (BWV 565) habe ich einer genaueren Prüfung unterzogen, indem ich alle mir zugänglichen Aufnahmen mit Schweitzers Aufnahme verglichen habe; „Bachs“ wohl bekanntestes Orgelwerk, das möglicherweise nicht einmal von ihm stammt, wird meist als Virtuosenstück verstanden und entsprechend interpretiert. Dabei spielt das Tempo eine entscheidende Rolle: Wer „virtuos“ sein will, scheint „schnell“ sein zu müssen – was hier eben nicht stimmt. Die jeweilige Orgel bestimmt das Tempo, was beispielsweise Karl Richter nachhaltig beweist, denn er spielt das Werk an zwei verschiedenen Orgeln. Eine Gesamtspieldauer, die unter neun Minuten liegt, ist wohl immer „falsch“. Albert Schweitzer liegt mit 8’54’’ genau auf der Grenze, was einerseits bestätigt, dass er technisch absolut mithalten kann, andererseits beweist, dass Virtuosität und Klarheit der Strukturen sich nicht widersprechen müssen, dass bei aller Virtuosität es wichtig ist, dass man jede Sechzehntel-Note genau hören und verfolgen kann.

Diese Sammlung ist ein großartiger Querschnitt nicht nur durch Schweitzers Orgelspiel, sondern ein Dokument der Orgelkunst der Mitte des 20. Jahrhunderts. Es lohnt sich die Auseinandersetzung, es bereitet Genuss, diese Aufnahmen in Ruhe und ohne Vorbehalt zu hören. Als besondere „Zugabe“ können wir auf der sechsten CD Schweitzer sprechen hören, auch dabei feststellen, dass seine Diktion von Ehrfurcht und Demut gekennzeichnet sind. Und genau dem entspricht sein Orgelspiel: Als er am 25. November 1928 in der Marktkirche zu Halle ein Orgelkonzert gab, war kein Geringerer als Günther Ramin, damals wohl einer der bedeutendsten Organisten Deutschlands, unter den Zuhörern; sein Schüler Walter Tappolet berichtet, dass sie „beide gleicherweise von dem Spiel beeindruckt“ waren: „sehr genau, sauber und gediegen, allerdings keineswegs hinreißend, dafür aber einnehmend durch große Objektivität aufgrund der Ehrfurcht vor der Bedeutsamkeit dieser Musik“.

Die CD-Box kann beim Deutschen-Albert-Schweitzer-Zentrum bestellt werden.

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