Aufstand für das Leben

Albert Schweitzer – Prophet unseres Zeitalters
(Bericht über Vortrag und Seminar am 20./21. Juli 2018)
Von Konstanze Schiedeck

Es ist eine kluge Entscheidung, im DASZ Kooperationsveranstaltungen anzubieten. Dies geschieht seit Herbst 2017 und so kann die Gruppe „Stiller Aufstand“ hier tagen.
Mehr als 50 Personen folgten unlängst der Einladung von Mike Kauschke und Professor Claus Eurich zum Thema Aufstand für das Leben.
Sämtliche vorhandenen Stühle mussten herbeigetragen werden, um allen Besucherinnen und Besuchern eine Sitzmöglichkeit im Ausstellungsraum anzubieten.
Der emeritierte Hochschulprofessor drückte gleich zu Beginn seine Verbundenheit zu Albert Schweitzer aus. Es sei ihm eine Freude, in dieser Umgebung sprechen zu dürfen. Albert Schweitzer sei der „Prophet eines Zeitalters, den wir benötigen, um zu überleben“, so hob er zweimal hervor.
Aufstand für das Leben bedeute eine innere Haltung und aufstehen für eine gelebte Solidarität mit allem Leben. Jede(r) könne mit der Veränderung seines Lebens beginnen, ja muss es sogar; denn wir stehen am Abgrund, der bereits zu bröckeln beginnt. Beweise dafür liefern Naturkatastrophen wie z. B. der Klimawandel, Waldbrände, Insektensterben und Migrationsströme.
Ein Rückblick in unsere Menschheitsgeschichte zeige: Einst gab es die Einheit von Mensch und Natur. Sie war unserer Spezies aber nicht bewusst. Mit der Entwicklung der Werkzeuge begann die Absonderung. Die Bildung des Ich-Bewusstseins ließ Macht und Gewalt hervortreten.
Das rationale, mentale Zeitalter im 14. Jahrhundert brachte die Universitäten hervor. Mit der Zerschlagung der Mythen in der Neuzeit begann die Überheblichkeit des Menschen, in der der Blick für unsere Mitgeschöpfe verloren ging. Albert Schweitzer setzte dagegen: „… alles, was du siehst, bist du.“
Die Trennung von Mensch und Natur rief unser heutiges Übel hervor.
Was vor uns liegt, erfordert nicht nur ein neues Bewusstsein, „es ist ein evolutionärer Sprung unserer Gattung,“ so der Professor.
Eigentlich sei schon alles gesagt worden. Zum Beleg brachte Eurich Zitate von Kirchenlehrern und Philosophen. Er zitierte Kernaussagen von Aurelius Augustin, Thomas von Aquin, Immanuel Kant, Hans Jonas u.a.
Auch die Mönchsgelübde wie Armut, Keuschheit und Gehorsam gäben noch heute Lebensorientierung. Sie müssen nur neu ausgelegt werden.
Armut, im Sinne von Einfachheit, lehre uns, auf das zu verzichten, was wir nicht benötigen. Doch Armut zu definieren, sei nicht immer einfach.
Keuschheit muss verstanden werden als Geist, als Form des Nicht-Verletzens, als Achtsamkeit.
Gehorsam sei gleichzusetzen mit Gewissensprüfung, Gewissensorientierung. Als solche ist sie eine spirituelle Handlung und erforderlich, um unsere Eigen- und Selbstverantwortung zu erkennen. Sie zeige uns auf, das zu tun, was an unserem Ort möglich und notwendig ist.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas-Ev., Kap.15) sei eine Metapher für das, was wir jetzt auf unserer Erde erleben.
Seit dem 30. April 2018 hätten wir bereits alle Ressourcen verbraucht, die uns bis zum Ende dieses Jahres zur Verfügung stehen. Eigentlich würden wir für unseren jetzigen Konsum drei Erden benötigen.
Das Seminar tags darauf versuchte eine Antwort darauf zu finden, wie wir leben können.
Professor Eurich nannte drei Kategorien: (i) Einfach leben; (ii) Nichtverletzen; und (iii) Gewissensorientierung. Hierzu tauschten sich die Teilnehmer*innen im Gruppengespräch aus. Denn nur in Gesprächen gewinnen wir die Klarheit unserer Gedanken, die sich auf andere überträgt. Jede(r) besuchte die drei Gruppen, danach folgte in großer Runde die Zusammenfassung der Aussagen.
Zur Gewissensorientierung führte der Referent aus, sie sei eine persönliche Haltung und die Einheit von Tat und Nichttat. Der Aktion müsse immer auch die Kontemplation folgen. Auch Jesus zog sich immer wieder in die Einsamkeit zurück; denn die Stille sei die Basis für das Gewissen. Diesem kommt eine spirituelle Bedeutung zu. Das kann bedeuten: Wir erleben Schmerz, aber diesem müssen wir uns stellen, um handlungsfähig zu bleiben.
Eine lebendige Beziehung zum Sein fordert Eurich, nur so können wir überleben.

Trotz seiner apokalyptischen Äußerungen strahlte der Professor Gelassenheit und Zuversicht aus. Sein Anliegen: Mut und Hoffnung geben, negative Entwicklungen aber auch benennen. Die Veranstaltung war informativ, bewegend, berührend und sicherlich ganz im Sinne von Albert Schweitzer. Es ist zu wünschen, dass diesem Treffen weitere im DASZ folgen werden.

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