Albert Schweitzer und die Charité

Von Prof. Dr. Ernst Luther

1960 feierte die Berliner Charité ihr 250-jähriges Bestehen und die Humboldt-Universität, der diese Einrichtung angehört, blickte auf 150 Jahre zurück. Aus diesem Anlass erhielt Albert Schweitzer die Ehrendoktorwürde eines Dr. med. h.c. Übergeben wurde ihm die Urkunde in Lambarene allerdings erst im August 1961. Wie kam es zu dieser Ehrung? Wie nahm sie Albert Schweitzer auf? Wie waren die Reaktionen danach?

In den 50er Jahren begannen sich viele Menschen in der DDR für das Leben und Wirken Schweitzers zu interessieren. Mit seinem Buch „Albert Schweitzer – Dienst am Menschen“ hat Rudolf Grabs daran einen wesentlichen Anteil. In schneller Folge erschienen ergänzte Auflagen 1952, 1953, 1954, 1957 und 1961 zuerst in der Evangelischen Verlagsanstalt. Später erschien die Schweitzer-Biographie im Niemeyer Verlag in Halle (Saale) in fünf Auflagen von 1961 bis 1965.

Im Juli 1959 antwortete Schweitzer auf einen Brief der Missionsschwester Erika Taap und lud sie nach Lambarene ein. Ihr Tagebuch zum Besuch bei Schweitzer im Sommer 1960 erschien in der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin 1965 in der vierten Auflage.

Im September 1959 hielt der Physiker Dr. Johannes Schmalfuß einen Vortrag in dem kleinen Ort Morgenröthe (später durch Sigmund Jähn weltbekannt). Nach seinem Vortrag über Schweitzers Osloer Appelle entstand der Vorschlag, dem Doktor in Lambarene aus der Gießerei zu seinem 85. Geburtstag für sein Spital eine Glocke zu schenken, die mit der Inschrift „Für den Frieden in der ganzen Welt“ geschmückt sein sollte. Schweitzer, der sich gerade in Günsbach aufhielt, antwortete auf das Angebot am 1. Januar 1960 in einem Brief an die Belegschaft des Werkes und bedankte sich sehr herzlich.

Schon zum 80. Geburtstag Schweitzers hatte Gerald Götting einen Glückwunsch geschrieben, dem eine rege Korrespondenz folgte. Für den Januar 1960 bereitete Götting eine erste Reise nach Lambarene vor. Schweitzer hatte ihm mitgeteilt: „Bleiben Sie, so lange Sie wollen!“ Es war Göttings Absicht, zum 85. Geburtstag eine Ehrenpromotion zu realisieren, aber auf seinen Brief im Dezember 1959 an den zuständigen Staatssekretär erhielt er keine Antwort.

Über alle Probleme, die bei dieser Reise entstanden und die ereignisreichen Tage in Lambarene, an denen auch Prof. Dr. Robert Havemann und der Kameramann Hans Kracht teilnahmen, berichtet Götting in seinem Tagebuch (Siegwart-Horst Günther, Gerald Götting: Was heißt Ehrfurcht vor dem Leben? Begegnung mit Albert Schweitzer. Mit dem Originaltext seiner Schrift „Die Ehrfurcht vor dem Leben“ und einem Geleitwort seiner Tochter Rhena Schweitzer-Miller. Neues Leben Verlags GmbH & Co. KG Berlin 2005).

Nach der ersten Begegnung tragen Götting und Havemann dem Staatssekretär am 19.2.1960 die Ehrenpromotion erneut vor, auch, dass Schweitzer sie als eine hohe Ehre annehmen würde. Die Antwort erfolgt am 4.3.1960; der Dekan der Medizinischen Fakultät Prof. Dr. Louis-Heinz Kettler wird gebeten, die Urkunde in Lambarene zu überreichen.

Am 2. August 1961 treffen Gerald Götting, Prof. Kettler und als Dolmetscher Franz Jahsnowski aus der Protokollabteilung des Außenministeriums in Lambarene ein. Die Begrüßung ist wieder sehr herzlich. Im Spital sehen und hören sie die Glocke aus dem sächsischen Vogtland. Die Gesprächsthemen mit Schweitzer, Dr. Friedmann, den Mitarbeiterinnen Ali Silver und Mathilde Kottmann sind ebenso umfangreich wie das Programm der Besichtigungen am Ort und im Umfeld, z.B. auch zur Protestantischen Mission in Andende, wo Schweitzers Tätigkeit 1913 begann.

Am Sonntag, dem 6. August, findet die festliche Übergabe der Urkunde statt. Ich zitiere aus dem Tagebuch von Gerald Götting: „Vor 12 Uhr versammeln sich Ärzte, Schwestern und Mitarbeiter im Speisesaal. Alle in Weiß, der Doktor trägt einen dunklen Anzug und hat eine schwarze Fliege umgebunden. Stehend hört sich Schweitzer die kurze Festansprache von Prof. Louis-Heinz Kettler an. Kettler ist Anfang 50, Pathologe und Ehrenmitglied der Société Anatomique Francaise. Der Dekan erinnert an das Jubiläum der Charité und begründet, warum die Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität – an der Schweitzer für kurze Zeit studierte – ihm die Ehrendoktorwürde verliehen hat. Kettler hebt die großen medizinischen Leistungen Albert Schweitzers hervor.

Schweitzer ist stark bewegt. Seinen Dank verbindet er mit Erinnerungen an Berlin. Mit Freude erinnere er sich an die glückliche Zeit um die Jahrhundertwende und die Begegnungen im Hause des Archäologen und Historikers Ernst Curtius, der in den 70er Jahren auf den Peloponnes Olympia ausgegraben hatte. Selten sei er so froh und frei gewesen wie damals. Das Militär und die schweren Studienjahre lagen hinter ihm und die Zukunft wartete auf ihn. Er erinnerte sich an Harnack, den Theologen und Historiker, und viele andere. „Ich wäre gern selbst nach Berlin gekommen, um mir den Ehrendoktor dort abzuholen, aber es hat zu viel Arbeit gegeben. “

Wie waren die Reaktionen nach der Ehrung? Einige Dinge könnte man als völlig normal ansehen. Schweitzer schreibt Briefe, in denen er sich für die Ehrung und die Glückwünsche, die ihm übermittelt wurden, bedankt, so an Walter Ulbricht, an die CDU, an den Kulturbund.

Die Zeiten sind aber nicht normal. Die Rückkehr nach Berlin erfolgte über verschiedene Stationen am 15. August. In Paris versuchte ein Bonner Diplomat, sie zu überreden, nicht nach Berlin zu fliegen, weil dort Bürgerkrieg herrsche. Überhaupt nicht normal fand in Bonn Theodor Heuss die Ehrung und den Briefwechsel. Sehr verärgert schrieb er an seinen alten Freund nach Lambarene, dass in den Wochen vor der Bundestagswahl ihm die Unterstützung der Deutschen Friedensunion ein Ärgernis ist und dann beklagt er sich: „dass du mit dem Ministerpräsidenten der DDR Ulbricht einen Briefwechsel hattest, in dem du ihn nach den Formulierungen der Zeitungen als den Anhänger deiner ethischen Thesen bezeichnest. Ich habe, glaube ich, in meinem kürzlichen Brief schon gesagt, dass kaum ein Augenblick ungeschickter gewählt werden konnte, mit den führenden Leuten der DDR in irgendeine unmittelbare loyale Auseinandersetzung einzutreten… .“

Schweitzer antwortet am 3. Oktober 1961 sachlich, verteidigt seine Unterstützung für „die Partei des Friedens“. Weiter heißt es in dem Brief: „Mit der Korrespondenz mit Herrn Ulbricht verhält es sich folgendermaßen. Er gratulierte mir zu meiner Ernennung als Dr. med. honoris causa der Humboldt-Universität. Ich antwortete ihm, indem ich darauf Bezug nahm, dass er von meiner Ethik sprach.“ (Über die zahlreichen Versuche, Druck auf Schweitzer auszuüben, siehe Auszüge aus den Briefen in meinem Buch „Albert Schweitzer – Ethik und Politik“, 2. Aufl. Berlin 2011, S. 248 – 252.)

2010 feierte die Charité ihr 300-jähriges Jubiläum, die Humboldt-Universität ihr 200-jähriges; so fand man in der Charité 2011, es sei die Zeit vorbei, um an die Ehrenpromotion vor 50 Jahren zu erinnern. Käme heute jemand auf die Idee zu sagen: der Friedensnobelpreis ist 1953 beschlossen worden, da ist an die Verleihung 1954 in einer Erinnerungsveranstaltung nicht zu denken?

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