Albert Schweitzer und Bach – Man hört nur mit der Seele gut

Schweitzers Ideal seines musikalischen Schaffens – Erfüllung statt Erfolg / Bauen auf Schweitzers Fundament: die Seele der Musik / Erhabener Geist über alles Menschlich-Allzumenschliche

Rezension von Eusebius Waldstein

Live-Mitschnitte aus Konzerten mit Orgel von Rainer Noll

„Eine Seele, die sich aus der Unruhe der Welt nach Frieden sehnt und Frieden schon gekostet hat, lässt darin andere an ihrem Erlebnis teilhaben.“ Albert Schweitzer.

Dieses Schweitzer-Wort über Bach könnte ebenso gelten für die hier angebotenen Orgelinterpretationen Rainer Nolls, der von Kindheit an auch musikalisch von Albert Schweitzer geprägt wurde.

„(…) welche heilige Stimmung herrscht in diesen Werken [Bachs]! Sie wurden nur um des Schaffens willen geschaffen als Gespräche einer Seele mit sich selbst. Durch sie verlangte der Meister [Bach] weder nach Ruhm noch nach Geld noch nach Unsterblichkeit.“ (A. Schweitzer, „Von Bachs Persönlichkeit“, Vortrag von A. Schweitzer im Hause der katalanischen Musik in Barcelona 1908, Sonderdruck aus dem Rundbrief des Albert-Schweitzer-Komitees beim Präsidium des DRK der DDR, Nr. 31 und 32, S. 15).

Schweitzers Ideal seines musikalischen Schaffens – Erfüllung statt Erfolg
Dass Schweitzer hier das Ideal seines eigenen musikalischen Schaffens ausspricht, zeigen zwei Briefstellen an Gustav von Lüpke aus den Jahren 1906 und 1908 über sein Bach-Buch: „Dieses Buch ist mein liebstes Kind. (…) Es sollte eine Gabe für Pariser Freunde sein, und ich dachte an keinen Erfolg, nur daran, einigen Menschen Freude zu machen und dem alten Bach die Dienste des Menschen der die Schuhriemen löst zu leisten …“ – „Den ,Reimarus‘ und den ,Bach‘ – die Bücher – liebe ich so sehr, weil ich sie geschrieben habe, nicht um damit ,etwas zu werden‘, sondern rein um der Wissenschaft und der Kunst willen. Es klebt keine Spur von Ehrgeiz daran.“ (Sonderdruck aus Bach-Jahrbuch 1975, „Zur Entstehung des Bach-Buches von A. Schweitzer, auf Grund unveröffentlichter Briefe“ von E. R. Jacobi, S. 142).

Kunst war Religion

„(…) seine [Bachs] unermessliche Kraft betätigte sich, ohne sich ihrer selbst bewußt zu werden, wie die Kräfte, die in der Natur wirken. (…) Bach reflektierte auch nicht darüber, ob die Thomaner seine Werke ausführen könnten und ob die Leute in der Kirche sie begriffen. Er hatte seine Frömmigkeit hineingelegt, und einer verstand sie sicherlich: Gott. (…) Musik ist für ihn Gottesdienst. Bachs Künstlertum und Persönlichkeit ruhen auf seiner Frömmigkeit. Soweit er überhaupt begriffen werden kann, wird er es von hier aus. Kunst war für ihn Religion. Darum hatte sie nichts mit der Welt und nichts mit dem Erfolg in der Welt zu tun. (…) Für ihn verhallen die Klänge nicht, sondern steigen als ein unaussprechliches Loben zu Gott empor.“ (A. Schweitzer, „J. S. B.“, S. 144)

Nach einem Konzert sagte einmal eine Hörerin, die Schweitzer kaum kannte, zu Rainer Noll, der dies als höchstes Lob auffasste: „Glauben Sie mir, Ihre einmaligen Klänge verhallen nicht einfach, sondern sind irgendwie aufgehoben in Räumen der Ewigkeit.“

Schweitzer über Bach

Was Schweitzer hier über Bach sagt, gilt in hohem Maße für ihn selbst, ähnlich wie schon Werner Picht über seine Äußerungen zu Goethe schrieb: „Mehr noch als über Goethe geben diese Äußerungen über Schweitzer selbst Auskunft. (…) Von Schweitzer selbst hingegen gilt das über Goethe Gesagte Zug für Zug. Seine Liebe hat das Wesen des Verehrten, soweit dies nur gehen wollte, in seine eigene Tonart transponiert.“ (W. Picht, „Albert Schweitzer – Wesen und Bedeutung“, Hamburg 1960, S. 178/79)

Bauen auf Schweitzers Fundament: die Seele der Musik
Und in gleichem Maß gilt das hier über Bach und Schweitzer Gesagte für den Musiker Rainer Noll und seine hier dargebotenen Interpretationen – alle gehören irgendwie zur gleichen „geistigen Familie“. Noll baut weiter auf dem Fundament, das Schweitzer bereits ab dem Kindesalter bei ihm gelegt hat, ohne jedoch in technischer und aufführungspraktischer Hinsicht bei Schweitzer stehen zu bleiben.

Als Rainer Noll während der Tagung „Lambarene in Frankfurt“ (1980) Choralvorspiele und die vier Toccaten Bachs gespielt hatte, kam Rhena, Albert Schweitzers Tochter, mit Tränen in den Augen zu ihm und sagte: „Seit meinem Vater habe ich solches Orgelspiel nicht mehr gehört.“

Besonders was die „Seele“ der Musik betrifft, steht Noll auf Schweitzers Schultern – Schweitzer hat ihn von Anfang an davor bewahrt, in ein veräußerlichtes Virtuosentum abzugleiten. Denn ohne diese „Seele“ ist die Musik trotz aller Technik und allen Wissens um Aufführungspraktiken nichts, bzw. nur „ein teuflisches Geplärr und Geleier“, wie Bach selbst in seiner Unterweisung im Generalbassspiel schreibt. Einzig der Verantwortung gegenüber der Musik, dem Komponisten und den Zuhörern verpflichtet, spielte Noll in gleicher Weise ohne Unterschied in einer Dorfkirche wie in einer Kathedrale, ebenso vor großem wie kleinstem Publikum – und immer kommunikativ darauf bedacht, die Freude an der dargebotenen Musik mit seinen Hörern zu teilen und diesen nicht nur die Ohren, sondern auch die Herzen zu öffnen und zur Verinnerlichung zu führen. Nur diese Haltung war der Garant für die durchgehend hohe Qualität dieser Live-Interpretationen, die Rainer Noll hier wieder unentgeltlich und nun weltweit auf YouTube mit seinen „geneigten Hörern“ teilt.

Unbefangen lebendig

Alle hier eingestellten Aufnahmen sind keine „sterilen“ Studioproduktionen, sondern Live-Mitschnitte aus Nolls Konzerten mit Orgel der Jahre ab 1973 mit „Sitz im Leben“ (mindestens soviele Konzerte hat er außerdem dirigiert). Wenngleich mit bester Technik aufgezeichnet und deshalb von guter Tonqualität, wurden sie nicht zum Veröffentlichen oder schon gar nicht Vermarkten gemacht und gedacht, sondern lediglich zum eigenen Lernen durch Zurückhören („mein unerbittlichster Lehrmeister“, so Noll). Somit sind sie nicht belastet vom Druck des endgültigen Festgehaltenwerdens und zeichnen sich aus durch Unbefangenheit und eine durch das Publikum erhöht stimulierte Lebendigkeit der Live-Situation, die alles im und für den Moment entstehen lässt. So ereignet sich hier das Paradoxe, dass dem Wirklich-nur-für den-Augenblick-Gedachten Dauer verliehen wird. Wie Abraham das Opfer Isaaks, so wird durch diese nebenbei gemachten Aufnahmen das Opfer des in der Zeitkunst Musik liegenden Verklingens der Töne nachträglich und unverhofft erlassen.


Überblick auf Youtube

Erhabener Geist über alles Menschlich-Allzumenschliche
Besonders in den Werken Johann Sebastian Bachs erlebt Rainer Noll einen über alles Menschlich-Allzumenschliche erhabenen Geist, der unsere hier unerfüllbare Sehnsucht nach Vollkommenheit in Gelassenheit und Abgeklärtheit auf eine zukünftige Vollendung verweist: „Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.“ (1. Kor. 13) Oder mit dem Wort Charles Marie Widors zu sprechen, das uns Albert Schweitzer überliefert hat: „Orgelspielen heißt, einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen manifestieren.“ (Albert Schweitzer, „Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst“, faksimilierter Nachdruck der 1. Auflage von 1906, Wiesbaden 1962, S. 38)