Albert Schweitzer – (k)ein Vorbild einer ganzen Welt

Von Gottfried Schüz

Nur allzu oft wird Kindern und Jugendlichen nachgesagt, sie wären egoistisch, konsumfixiert und nur für Dinge zu gewinnen, die ihnen etwas „bringen“. Auf ihr Befinden befragt, kommt vor allem zur Sprache, was sie vermissen oder vom Leben an Annehmlichkeiten und Glück erwarten. Der Gedanke, dass empfangenes Glück und Gut keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern „Geschenk“, das „Dankbarkeit“ verdient, scheint hingegen Vielen eher fremd.

Oft ist es erst eine unerwartete Notlage, die einen zum Umdenken veranlasst und bewusst werden lässt, wie wenig selbstverständlich eigenes Wohlbefinden tatsächlich ist. Man denke nur an die Hochwasserkatastrophe der vergangenen Monate, die einmal mehr die Fragilität des eigenen Glücks spürbar werden ließ. Zugleich aber kam noch etwas anderes zum Vorschein: Viele, auch junge Menschen haben angesichts der Not Anderer Solidarität bewiesen. Obwohl selbst vom Hochwasser verschont geblieben, haben sie zugepackt und zum Teil bis zur Erschöpfung beim Füllen von Sandsäcken, bei der Evakuierung von Familien oder dem Reinigen überschwemmter Keller geholfen.

Der junge Albert Schweitzer bedurfte dieser unmittelbaren Noterfahrung nicht. Ihn führte allein die Besinnung auf das ihm widerfahrene Glück zu der Erkenntnis, dass jeder für das Gute, das er empfängt, an Andere weitergeben müsse. Ja mehr noch, er erkannte, dass die aufopferungsvolle Hingabe für den Anderen ein größeres Glück bedeutet, als unablässiges Besorgtsein um das eigene Wohl.

Durch seinen Dienst an den Ärmsten der Armen Afrikas, den Schweitzer vor 100 Jahren mit der Gründung seines Spitals in Lambarene begann, ist er zahllosen Menschen ein großes Vorbild geworden.

Vorbilder als Ausdruck überkommener Werte und Autoritäten sind seit der 68er Generation fragwürdig geworden. Diese Problematik erhält in dem 1973 erschienenen Roman „Das Vorbild“ von Siegfried Lenz ein ausdrucksvolles literarisches Zeugnis.

Lenz beschreibt darin das Dilemma dreier Pädagogen, die sich der Aufgabe stellen, für ein Lesebuch-Kapitel mit dem Titel „Lebensbilder – Vorbilder“ geeignete Portraits auszuwählen. Was auch immer an Lebensgeschichten und Persönlichkeiten von den drei Kollegen unter die Lupe genommen wird, kann zwar in der einen oder anderen Hinsicht Anklang finden; aber letztlich endet die Auseinandersetzung stets im gleichen Desaster: Man kann sich auf kein Vorbild einigen. Stattdessen verbreiten die Protagonisten zunehmend ihren Unmut darüber, was an ihrem Unternehmen an sich problematisch ist: „Die Anmaßung nämlich, die darin liegt, Vorbilder auszusuchen (…) und jungen Menschen zu servieren – hier habt ihr euern Leonidas, euren Doktor Schweitzer, eifert ihm nach (…). Vorbilder sind doch nur eine Art pädagogischer Lebertran, den jeder mit Widerwillen schluckt (…). Die erdrücken doch den jungen Menschen, machen ihn unsicher und reizbar, und fordern ihn auf ungeziemende Weise heraus. Vorbilder im herkömmlichen Sinn, das sind doch prunkvolle Nutzlosigkeiten, Fanfarenstöße einer verfehlten Erziehung, bei denen man sich die Ohren zuhält. Alles, was sich von den Thermophylen bis nach Lambarene überlebensgroß empfiehlt, ist doch nur ein strahlendes Ärgernis, das nichts mit dem Alltag zu tun hat. Peinliche Überbautypen …“.1

Es gehe stattdessen doch darum, „die eigenen kritischen Fähigkeiten zu schärfen“, den Blick frei zu machen für verbindliche, „selbst gemachte Erfahrungen“. „Man könne sich doch zum Beispiel auf die Voraussetzung einigen“ – so treibt der kritischste Vertreter im Pädagogen-Trio das Dilemma auf die Spitze -, „daß jeder sein eigenes Vorbild ist oder es doch werden kann – wenn er nur eine Chance erhält, sich zu verwirklichen in seinen besten Möglichkeiten“. Aber genau dies werde durch Vorbilder von gestern verhindert, die aus einer anderen für eine andere Zeit gelebt haben und die man deshalb besser „auf den Speicher der Vergangenheit schickt“.

Wie nun hätte sich Schweitzer zu dieser harschen Vorbild-Kritik geäußert? Ich möchte behaupten, er hätte den Lesebuchexperten in Lenzens Roman nachdrücklich zugestimmt. Er verstand sich gerade nicht als maßgebende Moralinstanz, die bewundert sein wollte. Humanitäre Heldenverehrung auf dem Sockel der Ehrbarkeit mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ war ihm zuwider. Die Art und Weise, wie man sich in weiten Kreisen seiner als „Vorbild“ bemächtigte, hatte er nachweislich zurückgewiesen.

In einem Brief an Rudolf Grabs, einem seiner Biographen, bedankt sich Schweitzer für die Wertschätzung seiner Arbeit in Lambarene; dann fügt er an: „Holla, nun kommt aber ein Tadel. In einer Arbeit von Ihnen lese ich beim Titel den Zusatz ‚Vorbild einer ganzen Welt‘ … Das ist etwas das Sie nicht einmal denken, geschweige denn einem Titel beifügen dürfen! Dafür bin ich sehr empfindlich. Also bei einer Neuausgabe diese Worte unter den Tisch fallen lassen. Gelt. Sie tun es.“ 2

Schweitzer schrieb dies sicher nicht aus falscher Bescheidenheit. Ihm war es in keiner Weise um vorbildgebende Selbstinszenierung zu tun. Er handelte, wie er oft erwähnte, aus „innerer Notwendigkeit“, ohne Rücksicht darauf, ob sein Tun allgemein Anerkennung fand oder nicht. Er verstand sich nicht als Wegweiser im üblichen Sinne, der einen auf den Weg hinweist, den man gehen soll. Vielmehr – wenn schon „Wegweiser“, dann als solcher, der darauf verweist, wie jeder aus selbst gewählter Verantwortung seinen eigenen Weg finden kann.

Darin sind gerade junge Menschen ausgesprochen erfinderisch, vor allem dann, wenn es darum geht, eingefahrene Gleise zu verlassen und selbstbestimmt neue Wege zu gehen. Dies dokumentieren die nachstehenden Berichte über verschiedene Schulprojekte im Jubiläumsjahr.

1 Lenz, Siegfried: Das Vorbild. Hamburg 1973, S. 38; ferner S.  41, 91, 148 f.

2 Zager, Werner (Hrsg.): Albert Schweitzer. Theologischer u. philosophischer Briefwechsel 1900 - 1965. Werke aus dem Nachlaß, hrsg. v. Richard Brüllmann, Erich Gräßer u.a., München 2006, S.  240 f.